Porträt von Lukas Klaschinski

Lukas Klaschinski

Bei einem Kite-Unfall in Südafrika war der Psychologe Lukas Klaschinski sicher, dass er stirbt. Heute ist er jeden Morgen dankbar für ein trockenes, warmes Bett.

Text: Carola Hoffmeister

Kurz vor der Einschulung meiner Tochter fuhren wir als Familie mit dem Auto durch Europa. In Österreich, auf den letzten Kilometern vor unserer Hütte, lief wieder einmal der Podcast „180 Grad“. Darin befragte der Psychologe Lukas Klaschinski Menschen, deren Leben ein einziges Ereignis umgedreht hatte. Einer von ihnen war Dieter Gurkasch, der nach einem Raubmord viele Jahre im Gefängnis saß und dort über die Fünf Tibeter zum Yoga fand. Kaum waren wir angekommen, schrieb ich Dieter eine Mail und verabredete mich mit ihm zum Interview.

Einige Zeit später bekam ich mit, dass Lukas ein Buch geschrieben hatte: „Fühl dich ganz“. Damals hatte ich gerade meinen Podcast „Entspannung wirkt Wissen“ gestartet und fragte Lukas, ob er einer meiner ersten Gäste sein wollte. Ich hatte ziemliches Lampenfieber. Bis dahin waren meine Interviews nur schriftlich erschienen, nun würde man mich auch hören.

Am Abend zuvor traf ich eine Freundin in der Schanze und überlegte auf dem Weg von der U-Bahn in die Kneipe, ob ich das Interview kurzfristig absage. Das Imposter-Syndrom klopfte an. Doch während sich der Novemberhimmel bleigrau über die Straße senkte, dachte ich: Quatsch. Das ist ja das Gegenteil von dem, was Lukas in seinem Buch beschreibt. Er sagt doch gerade: Fühl, was es zu fühlen gibt. Angst. Freude. Scham. So saß ich am nächsten Morgen pünktlich um neun am Rechner und war froh, nicht gekniffen zu haben.

Drei Fragen zur Ruhe

Wie und womit entspannst du am liebsten?

Jeden Morgen, noch bevor ich richtig wach bin, mache ich einen kleinen Check-in, einen Bodyscan. Ich fahre wie ein Kopierer einmal durch meinen ganzen Körper und schaue, wo es Anspannung gibt und was sich locker anfühlt.

Dann suche ich drei Dinge, für die ich dankbar bin. Das Erste ist fast immer, dass ich in einem Bett liege, trocken und warm, in Sicherheit. Manchmal denke ich: nicht schon wieder das Gleiche. Aber dann fällt mir ein Mann ein, den ich in Berlin an der Warschauer Brücke gesehen habe. Es schneite, er lag eingemummelt in seine Decke und las, mit einer kleinen Taschenlampe im Mund. Wir vergessen so oft, wie privilegiert es ist, ein Dach über dem Kopf zu haben.

Wie hat sich dein Verhältnis zur Entspannung im Laufe deines Lebens verändert?

In Südafrika war ich mit einem Kitelehrer am Strand, es war viel Wind, und die Wellen waren riesig. Ich hatte nicht gesehen, dass sich die Leinen verheddert hatten. Auf einmal wurde ich in die Luft geschleudert, als hätte mich ein Riese einfach weggeworfen. Ich war zehn Meter über dem Boden und wusste: Ich sterbe. Ich war überrascht, wie schnell das ging. Ich spürte Dankbarkeit für alles, was ich erleben durfte, und im selben Moment eine tiefe Traurigkeit: Ich darf meine Tochter nicht länger auf ihrem Weg begleiten. Dann bin ich mit Kopf und Schulter zuerst aufgeschlagen, auf dem Strand, nicht im Wasser. Als ich aufwachte, sah ich ganz viele Füße um mich herum.

Danach habe ich mich gefragt, was ich bereut hätte. Vor allem, dass ich mein Leben auf emotionalem Abstand gelebt habe, auf Sicherheitsabstand zu mir, zu meinen Gefühlen und zu den Menschen um mich herum.

Zehn Jahre lang habe ich keinen Tanzkurs gemacht, angeblich, weil ich keine Zeit hatte. In Wahrheit waren es Angst und Scham. Als ich das spüren konnte, habe ich mich gefragt: Bist du bereit, trotzdem zu tanzen? Und ich war es. Wir müssen nicht mutig sein, wenn wir keine Angst haben. Mutig sind wir, wenn wir etwas tun, obwohl wir Angst haben.

Was bedeutet guter Schlaf für dich, und was tust du für eine gute Nacht?

Ich bin auf jeden Fall Morgenmensch. Fünf, halb sechs ist eine gute Zeit für mich, so lange schlafen kann ich gar nicht. Abends bin ich nicht mehr besonders produktiv, deshalb lasse ich die Arbeit dann meistens bleiben. Was meine volle Aufmerksamkeit braucht, lege ich in meine beste Konzentrationszeit am Morgen.

Manchmal spüre ich abends im Bett, kurz bevor ich einschlafe, noch einmal den Ruck aus Südafrika. Das ist beängstigend. Aber gleichzeitig erinnert es mich daran, dass ich am Leben bin.

Zum Schluss

Du feierst seit dem Unfall zwei Geburtstage. Was hat sich seitdem verändert?

Ich glaube nicht, dass ein einziges Erlebnis das ganze Leben verändert. Das wollen nur Leute verkaufen, die etwas verkaufen wollen. Veränderung findet in vielen kleinen Schritten statt, jeden Tag können wir uns neu entscheiden.

Ich stelle mir das vor wie ein Segelboot. Man sitzt auf seinem eigenen Boot des Lebens und hat die Pinne in der Hand. Wenn man sie nur um ein Grad verstellt, kommt man an einem ganz anderen Ort an der Küste an. Und meinen Geburtstag feiere ich jetzt zweimal, im Januar und im Juli. Das ist schön.

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