Post aus Kettville
Haulemännchen im Wald
Ein Waldspaziergang im Regen, ein Kindheits-Schild mit der Aufschrift Haulemännchen, und die Frage, wo das Gefühl von Zuhause eigentlich anfängt.
Erzählt von Carola Hoffmeister · Essen-Kettwig
Bei den Drei Fragezeichen bekommen Pete und Bob von Justus einmal einen Auftrag: Sie sollen herausfinden, in welcher Entfernung vom Geisterschloss die Angst nachlässt. Ab welchem Punkt laufen sie noch, aber nicht mehr aus Furcht?
Daran muss ich denken, als es in Kettville plötzlich zu regnen beginnt und ich in einen Wald einbiege. Stellen wir uns vor, es ist der Wald in Auf der Höhe.
Er liegt hinter dem Stoppelfeld. Jedes Mal, wenn ich dort bin, denke ich daran, wie meine Mutter mir erzählte, dass sie während der Corona-Zeit jemanden in der Mitte des Feldes sah, der einer Person die Haare schnitt, damals, als Friseurbesuche verboten waren.
Der Wald beginnt hinter dem Feld. Und schnell stehe ich unter einem grünen Blätterdach. Nadeln federn unter meinen Füßen, irgendwo trommelt ein Specht.
Jetzt bin ich plötzlich gut gelaunt.
Vielleicht kennst du das auch: dieses unerwartete Umschlagen der Stimmung, sobald man unter Bäume tritt. Passiert es genau jetzt?
Ist das die kleine Entfernung, nach der ich plötzlich denke: Hier könnte ich leben. Ganz nah an diesem grünen Wald.
Oder geschieht es später, am Nachmittag, wenn ich im Eiscafé an der Brücke sitze und auf den Mühlengraben schaue?
Vielleicht auch morgens im Freibad, beim Ziehen der Bahnen. Über dem Wasser liegt ein blaugrauer Himmel, und irgendwann tauchen die ersten Ideen auf. Später ein Milchbrötchen mit Orangenmarmelade und ein Buch auf den Betonstufen.
Diese Gedanken kommen in jeder Ferienzeit. Aber nie sofort. Es braucht Zeit. Ein paar Meter. Wie beim Geisterschloss ist der genaue Punkt schwer zu bestimmen.
Aber ich weiß inzwischen: Dieses Gefühl kommt immer wieder, und sehr oft denke ich dabei an das Geisterschloss und daran, wie ich es in meiner Kindheit gehört habe. Es gehört zu meinen Lieblingsfolgen, vielleicht auch, weil in ihr ein Schwarm Wellensittiche vorkommt. Ich mag diese Vögel, die eigentlich in Australien zu Hause sind, und hatte zwei davon: das blau-weiße Piepmätzen und den grün-gelben Amadeus. Seinen Namen schrieb ich mit Bleistift auf das Holz unseres Küchentisches, und er steht heute noch dort.
Aber zurück zum Nachhause-Gefühl, zurück in den Wald.
Ich spaziere meistens an einem Friedhof vorbei mit Gräbern aus dem Ersten Weltkrieg. Die Bäume darüber wachsen schon sehr lange in den Himmel, die Grabsteine sind mit Moos überzogen, und ich kenne niemanden, der dort liegt. Vermutlich macht mich deshalb hier nichts richtig traurig. Ich finde es einfach schön.
In der Nähe steht eine Kastanie mit den größten Blättern, die ich je gesehen habe. So groß wie zwei übereinandergelegte Hände. Ich stelle mich kurz unter den Baum und blicke nach oben. Regentropfen zittern an den Rändern der Blätter, kleine durchsichtige Kugeln, die beim Abrutschen ihre Form verändern, von rund zu oval. Meine Mutter, und ich glaube auch ihre Mutter, nannte Regentropfen früher Haulemännchen. Haulemännchen sind die kleinen Wesen, die entstehen, wenn ein Regentropfen auf den Boden fällt. Einmal habe ich bei einer Schriftkünstlerin ein Schild in Auftrag gegeben und es anschließend meiner Mutter geschenkt. Schwarze Blockbuchstaben auf weißem Grund, hängt es nun über ihrem Bett: Haulemännchen.
Was es mit dem Waldfriedhof, der kleinen Fee auf einem vergessenen Grab und einem Date mit sich selbst auf sich hat, erzählt die Folge.
Bald als Hörfassung
Die Hörfassung dieser Geschichte erscheint in Kürze als neue Post aus Kettville.
