Der Spatz auf dem Parkplatz — Post aus Kettville
Poetische Illustration eines kleinen Spatzen auf einem Parkplatz in Kettwig
Der Parkplatz am Supermarkt, mit einem kleinen Gast. Illustration für Post aus Kettville.

Post aus Kettville

Der Spatz auf dem Parkplatz

Eine Geschichte über das Gefühl von Dazugehören, einen Spatz auf dem Supermarktparkplatz von Kettwig, und die Frage, ob man einem Ort noch gehört, wenn man längst woanders lebt.

Erzählt von Carola Hoffmeister · Essen-Kettwig

Ich verrate es gleich in der allerersten Folge: Kettville heißt eigentlich Kettwig. Es ist ein Stadtteil im Süden von Essen, liegt an der Ruhr und könnte schöner kaum sein. Es gibt eine Altstadt mit Fachwerkhäusern und einer Kirche aus riesigen Steinen, mit hölzerner Empore. Und es gibt den Teil, in dem ich aufgewachsen bin, am Anfang der Höhe. Hier tragen die Straßen die Namen von Flüssen. Der Fluss meiner Straße entspringt irgendwo in der Eifel.

Ganz oben liegt das Höhencenter: ein Imbiss, eine Apotheke, ein Getränkemarkt. Früher gab es dort auch einen Supermarkt. Höhencenter. Als Kind habe ich mir über diesen Namen nie Gedanken gemacht. Heute frage ich mich manchmal, wer auf diese luftige Bezeichnung gekommen ist.

Seit ich diese Serie über Kettville begonnen habe, beschäftigt mich noch etwas anderes: Darf ich das eigentlich? Darf ich über einen Ort erzählen, in dem ich schon lange nicht mehr lebe?

Dann denke ich an meine beste Freundin aus der Grundschulzeit. Sie lebt immer noch in Kettville, in einer schönen Wohnung mit weißen Sprossenfenstern, die mich jedes Mal ein bisschen an Urlaub erinnert. Wenn ich mit ihr durch den Ort laufe, kennt sie gefühlt jeden. Immer wieder bleibt sie stehen, grüßt jemanden, unterhält sich kurz.

Auch meine Tochter erzählt davon, wenn sie mit den Nachbarskindern unterwegs ist. Man kennt sich hier.

Sie sagt manchmal:

„Dann müsste ich mich ja immer richtig anziehen, wenn ich rausgehe."

Ich verstehe, was sie meint. In Hamburg gehe ich manchmal in einer ausgeleierten Jogginghose zum Supermarkt, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken. Es ist mir egal, wie ich aussehe. Ich treffe ohnehin fast nie jemanden, den ich kenne.

Würde ich das in Kettville auch machen?

In Kettville gibt es zwei Supermärkte. Einer liegt nicht weit von der Ruhr entfernt. Einmal parkte ich dort mit meiner Tochter an einem heißen Spätsommertag. Wir hatten eine lange Anreise mit der Bahn hinter uns. Die Klimaanlage im Zug war ausgefallen, und irgendwo zwischen Bremen und Osnabrück blieben wir stehen und mussten umsteigen.

Wir waren so erschöpft, dass ich am Essener Hauptbahnhof ein Taxi rief, das uns nach Kettville brachte. Meine Mutter holte uns diesmal nicht ab. Sie war in den Ferien, und wir sollten in ihrer Abwesenheit das Reihenhaus samt schwarzem Kater hüten.

Es war seltsam, in das leere Haus zu kommen.

Keine Hühnersuppe auf dem Herd wie sonst.

Später fuhr ich noch zum Supermarkt. Als ich wieder herauskam, war eine Delle in unserem Auto, die vorher nicht da gewesen war. Ich stand mit Tiefkühlpizzen im Arm auf dem Parkplatz und wusste nicht so recht, was ich tun sollte. Vielleicht kannst du dir die Szene kurz vorstellen: die Tüte im Arm, die langsam weich wird, und keine Ahnung, was jetzt zu tun ist.

Aber sofort kam jemand, um mir zu helfen.

Innerhalb weniger Minuten war die Polizei da.

Ich zeigte auf meine Füße und sagte dem Polizisten:

„Ich bin mit Flipflops gefahren. Und meinen Führerschein habe ich auch nicht dabei."

„Kein Problem", sagte er.

Ein anderes Mal, gar nicht lange her, sah ich auf demselben Parkplatz einen kleinen Vogel. Er sah zerzaust aus und schien nicht mehr fliegen zu können. Autos kamen und fuhren. Ich wusste nicht, was ich tun sollte und sprach schließlich eine Frau an, die in ihrem Wagen saß.

Sie zögerte keine Sekunde. Sie rief ihren Freund an und sagte nur:

„Hier ist ein Vogel."

Wenig später kam er aus dem Geschäft, einen Karton in der Hand. Er hob den kleinen Vogel vorsichtig auf, setzte ihn hinein und sagte, er würde mit ihm zum Tierarzt fahren.

„Er rettet ständig Vögel", sagte seine Freundin.

Vielleicht wäre es also völlig egal, wenn ich in einer alten Jogginghose durch den Supermarkt von Kettville laufen würde. Aber wahrscheinlich würde ich dort schneller mit jemandem ins Gespräch kommen als in Hamburg.

Was es mit dem Spaziergang zur leeren Wohnung meiner Freundin, der schlafenden Sabine nebenan und der Frage, ob ich noch dazugehöre, auf sich hat, erzählt die Folge.

Bald als Hörfassung

Die Hörfassung dieser Geschichte erscheint in Kürze als neue Post aus Kettville.

Post aus Kettville · Kettville im Abendraum

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