Porträt von Christine Harjes

Christine Harjes

Wenn Christine Harjes in Afrika aus dem Flugzeug steigt, schaltet sie ein paar Gänge herunter. Zu Hause in Bonn hilft ihr eine feste Abendroutine, und dazu gehört, sich nass ins Bett zu legen.

Text: Carola Hoffmeister

Christine ist die Frau mit dem blonden Kurzhaarschnitt, die mich immer ein bisschen an Gwyneth Paltrow erinnert. Sie ist superschnell mit allem und sehr straight. Während ich noch über etwas nachdenke, hat sie es schon in einem Satz gesagt. Ich kenne sie aus dem Studium, damals arbeiteten wir gleichzeitig an unseren Abschlussarbeiten und bereiteten uns in der Staatsbibliothek oder im Philosophenturm auf die mündlichen Prüfungen vor. In den Pausen saßen wir auf dem Campus, tranken Automatenkaffee und rauchten.

Außerdem schwärmten wir beide für einen Musiker von „Wir sind Helden“, der genau wie wir in den letzten Zügen seines Studiums lag. Das war kurz bevor die Band richtig berühmt wurde. Ich hatte ein Passfoto von ihm auf dem grauen Stabi-Teppichboden gefunden und mit nach Hause genommen, es liegt immer noch in irgendeiner Kiste mit Briefen und Postkarten. Als ich Christine das jetzt per WhatsApp erzähle, müssen wir sehr lachen. „Super coole Geschichte“, sagt sie. „Ich glaub, Anke war auch in den verknallt. Und ich auch. Wir alle!“

Damals wollten wir beide Journalistinnen werden und bewarben uns auf Volontariate, unter anderem bei der Deutschen Welle. Das wäre mein Traum gewesen, aber Christine passte mit ihrem Sprachstudium viel besser dorthin. Sie spricht Englisch und Französisch wie eine Muttersprachlerin und bekam das Volontariat in Bonn, mich verschlug es an die Deutsche Hörfunkakademie in Dortmund.

Später baute Christine für die Deutsche Welle in Afrika ein Ausbildungsprogramm auf. Sie war unter anderem im Senegal, in Uganda, Burkina Faso, Kenia, Burundi und Ruanda unterwegs. Einmal saß sie mehrere Tage in der malischen Hauptstadt Bamako fest, weil das Militär geputscht hatte.

Dann, Jahre später in der Pandemie, sah ich auf einmal Fotos von einer Krankenstation. Christine hatte sie in den sozialen Medien geteilt, über die wir noch verbunden waren. Ich blickte auf ein Zimmer mit Holztisch, ein Bett mit Stahlrohren, eine kahle Wand. Was ist los, fragte ich sie. Ihre Antworten lest ihr in den drei Fragen zur Ruhe.

Drei Fragen zur Ruhe

Wie und womit entspannst du am liebsten?

Wenn ich angespannt oder nervös bin, helfen mir längere Spaziergänge am Rhein, manchmal auch um halb fünf morgens, und Sport, am liebsten Hip-Hop- und Afrobeat-Tanzen. Außerdem höre ich viel Radio, meistens Radio Cosmo, und Musik. Ich lese auch gern und entspanne mich beim Eintauchen in einen Roman. „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf hat mir einmal aus einer Depression geholfen.

Die größte Entspannung ziehe ich aber aus meinen Afrikareisen, die ich privat und für die Arbeit unternommen habe. Wenn ich dort aus dem Flugzeug steige, schalte ich gleich ein paar Gänge herunter. Ich träume davon, in den Senegal zu ziehen.

Wie hat sich dein Verhältnis zur Entspannung im Laufe deines Lebens verändert?

Früher war Entspannung kein großes Thema für mich. Im Studium habe ich oft mehr als 15 Stunden Sport pro Woche gemacht, und mir ging es gut damit. Ich brauchte das einfach als Ausgleich zum Lernen.

Das Volontariat nach dem Studium war toll, aber auch anstrengend. In dieser Zeit begann der zweite Irakkrieg, und das hat mich sehr belastet, weil ich den Krieg so ungerecht fand. Ich habe Tag und Nacht Medien konsumiert. Um runterzukommen, rauchte ich öfter einen Joint, und das hat sich leider gerächt: Mit Anfang 30 hatte ich eine Psychose vom Kiffen.

Was bedeutet guter Schlaf für dich, und was tust du für eine gute Nacht?

Heute habe ich die Diagnose bipolare Störung, also manisch-depressiv. Entscheidend für meine psychische Gesundheit ist guter und ausreichender Schlaf, deshalb habe ich eine Routine für mich gefunden. Zwischen 22 und 23 Uhr mache ich ungefähr 20 Minuten Yoga und Krankengymnastik für meine Hüftarthrose. Danach dusche ich heiß. Oft trockne ich mich gar nicht richtig ab, sondern lege mich nass ins Bett. Das hat mir mal ein Arzt gegen Schlaflosigkeit empfohlen. Bis 24 Uhr telefoniere ich dann noch mit meinen Freunden.

Zusätzlich nehme ich seit einiger Zeit ein Schlafmittel, mit dem ich gut zurechtkomme. Wenn ich dann immer noch nicht schlafen kann, höre ich den Schlaffisch oder eine andere von Carolas Hypnosen und Traumreisen.

Zum Schluss

Wenn Ruhe ein Geräusch wäre, welches wäre es?

Meeresrauschen!

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