Porträt von Gary Bruno Schmid

Gary Bruno Schmid

Kein Mensch kann schlafen, sagt der Zürcher Psychotherapeut und Hypnosefachmann Gary Bruno Schmid. Man kann den Schlaf nur einladen. Er selbst schaut dafür in Gedanken durch eine Webcam in sein Lieblingshotel in Ascona.

Text: Carola Hoffmeister

Als ich herausfand, dass Gary Bruno Schmid ein Buch über den psychogenen Tod geschrieben hat, war ich auf einmal wieder Studentin in Hamburg.

In Kunstgeschichte hatte ich ein Seminar über den Tod belegt, gemeinsam mit der Ethnologie. Ich wählte ein Thema, von dem ich noch nie gehört hatte: den psychogenen Tod. Bei Claude Lévi-Strauss las ich von Menschen, die überzeugt waren, verflucht worden zu sein, und die daraufhin tatsächlich starben.

Mitten in diesem Semester starb mein Vater. Ich pendelte rastlos zwischen Essen und Hamburg. Die tickende Stille, wenn ich morgens auf meinen Europaletten erwachte, die graue Luft in der Küche, in der mein Kaffee kalt wurde: Das war genauso wenig auszuhalten wie der schöne Raum an der Uni mit dem Fischgrätenparkett. Die Hausarbeit schrieb ich trotzdem, irgendwie, sie war völlig konfus. Die Dozentin, der ich erzählt hatte, was passiert war, gab mir trotzdem die Bestnote.

Auf Gary war ich über eine Atemübung gestoßen. Während der Pandemie hatte ich für ein Gesundheitsmagazin die 4:6-Atmung vertont. Als ich mich später mit Hypnose beschäftigte, entdeckte ich, dass er genau mit dieser Atmung arbeitet. Trotzdem vergingen noch Jahre, bis ich ihn für meinen Podcast „Entspannung wirkt Wissen“ interviewte. Es wurde ein Gespräch voller Humor, obwohl es um Tod und Selbstheilungskräfte ging. Das liegt an Gary.

Gary Bruno Schmid wuchs in Cleveland auf und promovierte in Atomphysik, bevor er sich am C. G. Jung-Institut in Zürich zum Analytischen Psychologen ausbilden ließ. Seit vielen Jahren arbeitet er in Zürich als Psychotherapeut mit den Schwerpunkten Psychosomatik und Hypnose und bildet für die Schweizerische Ärztegesellschaft für Hypnose aus. Bei Springer sind unter anderem seine Bücher „Tod durch Vorstellungskraft“ und „Selbstheilung durch Vorstellungskraft“ erschienen.

Drei Fragen zur Ruhe

Wie und womit entspannst du am liebsten?

Normalerweise denke ich gar nicht an meine Gesundheit. Ich genieße das Leben und mache, was mir gefällt. Ich esse, worauf ich Lust habe, denn ich glaube, der Körper weiß ziemlich genau, was er braucht. Er ist das sensibelste Instrument, das wir haben.

Ich entspanne mich gern mit Selbsthypnose. Schon einen Film zu schauen, ist Hypnose, sogar medizinische: Das Herz klopft, ich habe Angst, ich weine oder lache. Leute drängeln sich vorbei, weil sie aufs Klo müssen, ich frage mich, ob ich genug Geld in die Parkuhr geworfen habe, ich nehme Popcorn von meiner Frau, aber ich bleibe im Film. Nur dient die Hypnose da der Unterhaltung, nicht der Heilung.

Wenn ich mich bewusst entspannen will, mache ich die 4:6-Atmung: vier Sekunden einatmen, sechs Sekunden ausatmen, und beim Ausatmen mache ich mich schwer. Das geht überall, sogar mitten in einem Gespräch, und keiner merkt es.

Die 4:6-Atemtechnik von Gary Bruno Schmid als PDF

Wie hat sich dein Verhältnis zur Entspannung im Laufe deines Lebens verändert?

Entspannen konnte ich mich immer gut, aber ich kenne auch das Grübeln, besonders aus der Zeit, als ich in der Klinik gearbeitet habe, oder nach einer misslungenen Liebesgeschichte. Irgendwann habe ich gemerkt: Wenn ich grübele, sollte ich es mir richtig vorstellen. Nicht ein bisschen wie ein Weichling, sondern mit Peitsche. Aus dem Bett, mich geißeln, leiden wie verrückt.

Dann merke ich, wie dumm das ist. Ich kann die ganze Nacht wach liegen und mir die Haare raufen, es ändert nichts an dem Blödsinn, den ich gestern gemacht habe, oder an dem, was mich sonst so negativ beschäftigt. Und es sorgt auch nicht dafür, dass morgen das Gespräch mit dem Chef gut läuft. Dann muss ich über mich schmunzeln. Das ist mein Neustartknopf, danach kann ich loslassen.

Was bedeutet guter Schlaf für dich, und was tust du für eine gute Nacht?

Kein Mensch auf der Welt kann schlafen. Ich nicht, du nicht, niemand. Wir können ins Bett gehen, das Licht ausschalten, es uns bequem machen, die Augen zumachen. Dann müssen wir den Schlaf einladen. Mit der Gesundheit ist es genauso.

Ich persönlich hatte nie Probleme mit dem Schlaf. Ich glaube, das ist zum Teil genetisch, mein Vater konnte auch sehr gut schlafen. Wenn ich im Bett liege, sage ich mir: „Es wäre eigentlich dumm einzuschlafen. Es ist so schön, einfach dazuliegen, und niemand stört mich.“ Dann gehe ich in Gedanken an einen schönen Ort, wie mit einer Live-Webcam, die in mein Lieblingshotel in Ascona schaut. Ich rieche, wie es dort duftet, höre, wie es dort klingt, und könnte dort in meiner Vorstellung sogar fliegen, wenn ich wollte. Ich öffne meine Seele wie einen Kelch, lade den Schlaf ein und warte geduldig, bis er kommt. Und irgendwann kommt er dann auch.

Ich hatte einen Patienten, der sich überhaupt keine Bilder vorstellen konnte. Aber er konnte die 4:6-Atmung machen. Beim Ausatmen sagte er den Menschen gute Nacht, die er liebt, auch denen, die gestorben sind. Er machte sich schwer, spürte die Wärme und stellte sich vor, wie er ins ganze Schlafzimmer schmilzt und sich ausbreitet wie Quecksilber.

Zum Schluss

Wie sieht Gesundheit für dich aus?

Für mich ist Gesundheit ein ausgedachter Garten im Tessin, bei meinem Rustico. In Wirklichkeit ist dort nur ein Stück Wildnis mit Unkraut und Rasen, und von Blumen verstehe ich nichts. Ich kenne gerade mal den Unterschied zwischen einer Rose und einem Baum. Aber in meiner Vorstellung blüht und duftet dort ein wunderbarer, fantasievoller Garten der Gesundheit. Ich frage mich: Wie duften meine Gesundheitsblumen, welche Farbe haben sie? Wie würden sie klingen oder singen, wenn sie das könnten? Welche Jahreszeit und welche Tageszeit herrschen gerade in meiner Vorstellung?

Wenn ich Grippe habe, erlaube ich mir, die Blumen welk zu sehen, genau so welk, wie es mir geht. Vitamin C oder ein Antibiotikum sind dann der Dünger oder das Insektenspray. Und meine Selbstheilungskräfte sind Schmetterlinge, Bienen, Eichhörnchen und ein warmer Sommerregen. Sie pflücken die Viren und Bakterien weg. Biologisch korrekt muss das nicht sein. Das Bild muss nur für mich stimmen.

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