Midlife Rise · Interview
Ein Zuhause, das mir niemand nehmen kann.
Ein Gespräch mit der Innenarchitektin Eva Kindler über Trennung, Neubeginn und ein Haus voller Liebe.
Wir sitzen im Esszimmer deines neuen Hauses, direkt am Waldrand gegenüber der Duisburger Uni. Überall wird noch gebaut. Wie kommt es, dass du hierhergezogen bist?
Die Entscheidung, dieses Haus zu kaufen, war eine direkte Folge einer ziemlich heftigen Trennung. Vorher habe ich in einem wirklich besonderen Haus gelebt – einem alten, denkmalgeschützten Holzhaus im Ruhrgebiet, sehr idyllisch und romantisch gelegen. Vielleicht kennen das einige: Es heißt Waldfrieden und hat sogar Preise gewonnen. Ich bin Innenarchitektin und habe das Haus mit sehr viel Liebe umgestaltet. Es war unser Zuhause – mit meinen drei Kindern, meinem Leonberger und meinem damaligen Mann.
Und dann kam die Trennung?
Genau. Die war sehr plötzlich und leider auch ziemlich dramatisch. Ich musste ausziehen – eigentlich sofort, konnte das aber zum Glück noch etwas hinauszögern. Das war auch nötig, denn mit drei Kindern, die auf drei Schulen in drei Ruhrgebiets-Städten gehen, ist es nicht so leicht, eine neue Bleibe zu finden. Ich wollte unbedingt verhindern, dass meine Kinder auch noch die Schulen wechseln müssen. Als es im Dezember so weit war, war das neue Haus noch nicht fertig. Ich hatte große Sorgen, wie das für meine Kinder sein würde. Als Mutter möchte man die Kinder vor weiterem Schmerz bewahren. Dann, kurz vor dem Umzug, habe ich beschlossen, loszulassen. Es ist eben, wie es ist.
„Ich habe mich oft an den großen alten Baum gesetzt und mich verabschiedet. Dieser Baum war mein Zentrum. Ich vermisse ihn."
Loslassen klingt so einfach. Aber allein Waldfrieden loszulassen stelle ich mir extrem schwierig vor.
Ja. Ich habe mich oft an den großen alten Baum gesetzt, eine hundertjährige Rotbuche im Garten, und habe mich verabschiedet. Dieser Baum, in dessen Krone Eulen wohnen und unter dem wir viele Geburtstage gefeiert haben, war mein Zentrum. Ich vermisse ihn. Aber gleichzeitig habe ich all meine Energie ganz bewusst in das neue Haus gesteckt. Ich bin ja Innenarchitektin, habe die Planung gemacht, die Baustelle geleitet, gestrichen, Fliesen rausgeschlagen. Und ich habe mich auch wirklich auf das Neue gefreut. Ein modernes Haus, warm, nicht denkmalgeschützt – endlich ein Ort, den ich gestalten kann, wie ich es will. Und vor allem: ein Haus, das mir gehört. Das war das Allerwichtigste.
Was hat dir beim Loslassen geholfen?
Meine Familie. Tolle Freunde. Und ich habe eine langjährige Yoga- und Meditationspraxis mit meiner Lehrerin Zula. Außerdem wusste ich, dass ich therapeutische Unterstützung brauche, nicht nur für mich, sondern auch für meine Kinder. Nachdem der erste Schock überwunden war, habe ich mich gefragt: Was will das Leben mir sagen? Was soll ich daraus lernen? Was muss ich verstehen, um zu wachsen?
Diese Fragen hast du dir im Alltag gestellt – mit drei Kindern, Job und einer Menge Wut und Trauer im Bauch. Wie hast du es alles hinbekommen?
Ich habe es oft nicht hinbekommen, und das sage ich auch ganz offen. Ich gebe jeden Tag mein Bestes. Aber ich mache auch mal den Fernseher an, setze das Kind aufs Sofa und mich selbst an den Schreibtisch. Letztlich habe ich allen Perfektionismus über Bord geworfen und versuche, nicht so streng zu mir zu sein, sondern milde, empathisch. Unser System ist nicht dafür gemacht, drei Kinder alleine großzuziehen. Und wenn du dann noch einen Ex-Partner hast, der dir permanent Steine in den Weg legt – dann brauchst du wirklich alle Ressourcen, die du hast. Loslassen ist ja nichts, was man einmal macht, sondern jeden Tag.
„Ich war noch nie so glücklich wie heute. Und das war ich auch schon, bevor ich meinen neuen Partner kennengelernt habe."
Woher hast du deine Kraft genommen?
Ich wusste: Yoga und Meditation tun mir gut. Statt einer Stunde habe ich dann eben eine halbe Stunde gemacht – in meinem Glashaus im Garten, oder meditiert. Es gab viele Momente, in denen ich es nicht geschafft habe. Wenn freitags die Kinder alle zwei Wochen zum Vater gehen, bin ich oft einfach nur erschöpft. Aber ich mache mich nicht mehr fertig, weil ich nicht perfekt bin. Ich sage mir: Dann ist das jetzt eben so.
Warst du auch sehr wütend? Du wurdest betrogen, verlassen, und dir wurde mit Waldfrieden ein Teil deiner beruflichen Identität genommen.
Oh ja. Ich war unfassbar wütend. Das kann man sich kaum vorstellen. Und das ist auch normal – Wut ist ein Teil des Trauerprozesses. Ich bin da ganz bewusst reingegangen. Ich habe spezielle Meditationen gemacht, um sie zuzulassen und zu verarbeiten. Ein Tipp kam von meiner Yogalehrerin Zula – eine Schüttelmeditation, ursprünglich für traumatisierte Kinder. Dabei wird die aufgestaute Energie körperlich rausgelassen, durch Tanzen, Schütteln, Loslassen. Das wirkt. Aber man sollte es auf jeden Fall alleine machen oder mit geschlossenen Augen – denn man macht sich schon zum Affen.
Gab es auch so etwas wie magische Momente in all dem Schmerz?
Viele, sehr private Dinge, die ich nicht erklären kann, aber die für mich Zeichen waren. Wie der Schmetterling, der beim Einzug im neuen Haus plötzlich im Keller flatterte und uns begrüßte. Wie kommt der dahin, mitten im Winter? Meine Kinder waren entzückt. Rückblickend habe ich erkannt: Alles, was ich brauche, war schon da. Ich war zwar allein, aber ich hatte meine Werkzeuge. Auch das ist magisch. Dadurch konnte ich mutige Entscheidungen treffen. All das hat mich an den Punkt gebracht, an dem ich heute sagen kann: Ich war noch nie so glücklich wie heute. Und das war ich auch schon, bevor ich meinen neuen Partner kennengelernt habe – die Liebe meines Lebens.
Danke, liebe Eva, für das Gespräch.