Der Märchenring
von Carola Hoffmeister
Wenn ich an den Märchenring denke, einen Ring mit einem großen, geschliffenen Amethysten, umkränzt von Schnörkeln aus Gold, auf denen Diamanten thronen, denke ich an einen Dachboden, in dem durch eine Fensterluke ein Bündel Sonnenstrahlen fällt. In diesem Licht tanzen uralte Staubkörner wie in einer Kirche.
Der Märchenring ist da, auch wenn ich ihn nicht sehe. Er liegt in einer Schatulle, in einem Kästchen, vielleicht in den Tiefen eines Umzugskartons, neben dem Ort, an dem sich die falsche Mutter meines falschen Vaters erhängte. Hat sie das wirklich getan?
Als Kind spielte ich mit dem Ring. Ich stellte mir vor, wie er mich mit geschlossenen Augen ins Märchenland schweben lässt, kaum drehe ich ihn dreimal am Finger – so wie in der tschechischen TV-Serie mit der schönen Arabella und einem Familienvater, den der Zauberer Rumburak in einen Dackel verwandelt hat.
„Der Ring kam mir geheimnisvoll vor. Viel zu groß und mächtig für eine menschliche Hand – vielleicht an einem Sonntag in Oberhausen, an einer Frau mit weißem Spitzenrock, auf den die Zeche Osterfeld russige Schatten geworfen hat."
Bis heute kann ich mir nicht vorstellen, dass der Ring auf diese Weise die Welt erblickte. Nur dass er da liegt und wartet, für einen kurzen Moment an den Finger gesteckt wird, das kann ich mir denken. Sein Zuhause war eine Schublade, neben einer Perlenkette und einem Goldring ohne Zauberkraft.
Eine Erinnerung aus einer versunkenen Zeit, die vielleicht niemals existierte, von einer Familie, die ich nicht kenne – nur von Schwarz-Weiß-Fotos in schneebedeckten Bergen, mit der ich aber durch all die Gegenstände verwoben bin, die wir von ihnen geerbt haben.
Das Monogramm der anderen Familie ist auf Servietten gestickt, die ich zu Weihnachten auf den Tisch legen könnte, wenn es nicht zu mühsam wäre, sie anschließend zu waschen und zu bügeln. Ihr Nachname in schwungvoller Schönschrift, geschrieben von einem Kind mit Füller, steht hinter dem Vornamen meines Vaters in Büchern aus den 1950er Jahren, die ich sehr liebte.
Allen voran Schneewittchen und die sieben Zwerge, denn im Kinderbuch gibt es eine Zeichnung einer dunklen Holzhütte im Wald, von der ich mir immer wünschte, ich könnte sie in Wirklichkeit betreten – vielleicht, wenn ich den Ring dreimal drehe. Und dann stehe ich wie Schneewittchen mit einem Kerzenhalter in der Hand vor einer schweren Eichentür, trage ein Kleid, gelb und blau, und lege den Leisefinger an die roten Lippen. Gleich öffne ich die Eichentür zum Schlafzimmer, in dem ich die tiefsten Träume sinke.
Die Bücher, auch Bambi und Pinocchio, kaufte die fremde Familie für meinen Vater, schenkte sie ihm vielleicht zum Geburtstag im August. Er erbte sie, genauso wie die Truhe aus schwarz glänzendem Holz mit den schweren Schubladen, darin eine Tischdecke, steif wie ein Brett trotz Lochspitze, und einen Rahmen mit Beethoven.
Sie ließ ihn als Sechsjährigen in einem karierten Hemd malen. Er lächelt fröhlich aus einem Fenster heraus, damals, als das Leben noch vor ihm lag und er dachte, er heiße Roland mit Nachnamen und stamme aus einer wohlhabenden Familie mit Ringen in Schubladen und einer Haushälterin, die eigentlich seine Mutter war. Was für eine Kränkung.
Erbte er auch die Depression der anderen Mutter? War sie traurig, weil sie keine eigenen Kinder bekommen konnte, oder weil sie im Zweiten Weltkrieg Schuld auf sich geladen hatte und meinen falschen Vater nur deshalb liebte, weil er so schöne strohblonde Haare und wasserblaue Augen hatte? Hatte sie Angst, als sie sich erhängte, aber weniger Angst vor dem Tod als davor, was geschah, wenn die Verbrechen ihrer Familie ans Licht kamen – welche waren es überhaupt? Nazi zu sein, das ist Verbrechen genug, und deshalb mag ich sie nicht, die fremde Frau und ihre Familie. Oder entspringen all diese Gedanken meiner Phantasie?
Was ich weiß, ist, wie mein Vater mir durch den Türstock zuraunte, ich solle nicht so gemein zu meiner Schwester sein, mit der ich immerzu stritt. Ich stritt mit einer besonderen Schwester, über die man nicht sagen durfte, dass sie anders ist, und über die andere Kinder im Bus lachten, was weh tat, gleichzeitig sollte sich der Boden öffnen. Mein Vater: „Du weißt doch, dass sich die Frau auf dem Dachboden erhängt hat." Aber ich wusste es nicht, und ich verstand es nicht. Kann ich so böse sein, dass jemand sich deshalb umbringt?
„Doch ich sehe diesen Dachboden vor mir, merkwürdig sonnig, still und schön. Und ein Seil, das noch schaukelt."
Der Ring, er wartet dort, um seine Magie zu entfalten. Gute Magie, schlechte Magie – wer weiß es schon. Ringe ruhen, manchmal Jahrzehnte und Jahrhunderte. Das begriff ich schmerzlich, als ich mir den Märchenring an den Finger steckte und ihn nach nur wenigen Wochen verlor.
Ich nahm den Märchenring mit in die Elbphilharmonie und erhielt das Kompliment einer Freundin – er war gar nicht zu mächtig für den Alltag. Und so führte ich ihn weiter aus, immer dann, wenn ich ein bisschen Unterstützung brauchte. Bis ich eines Tages in Tränen stand vor schlechtem Gewissen. Ich hatte den Ring verloren, war untröstlich.
Normalerweise suche ich nichts, was ich verliere. Ich warte ab, bis der Gegenstand wieder auftaucht und mich findet. Meistens, so mein Aberglaube, ist das der Fall, wenn ich den Verlust akzeptiere, wirklich loslasse und damit leben kann. Das versuchte ich auch beim Märchenring und schaffte es eine Weile. Doch dann begann ich zum Auto zu laufen und den Boden mit Taschenlampe abzusuchen, einmal, zweimal.
Lag er in der Bäckerei in der Nähe des Dorfes mit Gänsen auf smaragdgrünen Wiesen, wo ich plötzlich Zahnschmerzen bekam und in eine Apotheke lief? Ich hatte so viel in den Händen: Haarklammern, mein Aufnahmegerät vom Interview, das Notizbuch, das Brötchen, das ich nicht mehr essen konnte und in eine Serviette gewickelt hatte. Und den Ring, den ich von der Hand gezogen hatte, weil er sich plötzlich zu eng anfühlte.
Vielleicht glitt er in eine Tasche, oder lag auf dem Tablett mit schmutzigem Geschirr, und eine Verkäuferin fand ihn, steckte ihn sich an und verschwand mit ihm, als sie ihn gedankenverloren hin und her drehte – in eine andere Welt, in der kein Telefon sie erreicht. Vielleicht fiel er auf der Straße auf den Bürgersteig und stürzte durch einen Gully in die Unterwelt, wo er ruht und ruht und ruht.
„So wie Tolkiens Elbenring, der im Schicksalsberg in Mordor von Sauron geschmiedet wurde und mehr als 2000 Jahre auf dem Grund des Flusses Antuin in Mittelerde schlief, bis Gollum ihn in die Nebelberge mitnahm."
Als ich den Märchenring das erste Mal wiederfand, machte ich gerade Sport im Zimmer meiner Mutter. Ich hing in den Schlaufen, die auch US-amerikanische Militärs in der Wildnis benutzen. In einer Pause ließ ich meinen Blick über die Kommode schweifen, die als Teenager in meinem Zimmer stand und die ich mit Dingen dekoriert hatte, die mir etwas bedeuteten: eine Spieluhr, eine Grünpflanze, eine Schatulle aus Messing.
Nun hatte meine Mutter diese Kommode in einen Altar verwandelt. Ein selbst gestaltetes Fotoalbum lag darauf und erzählte von unserer gemeinsamen Reise nach Israel, wo ihr auf der Via Dolorosa die Tränen kamen. Fotos von der Klagemauer, vom Garten Gethsemane auf dem Ölberg in Jerusalem. Auf einem Bild trage ich einen braunen Umhang mit Spitzmütze, den ich mir beim Kontrollpunkt des israelischen Militärs am Eingang der Moschee übergestreift habe, wie ein Zwerg aus Schneewittchen. Ich lasse mir im Toten Meer, unter mir das Salz, die Sonne auf den Bauch scheinen, meine Mutter ebenfalls.
Auf dem Spiegelaufsatz der Kommode hat meine Mutter verschiedene Dosen gestellt, in denen sie Schmuck aufbewahrt. In einem runden Döschen aus Speckstein befinden sich Ohrstecker, viele haben ihr Pendant verloren und werden niemals wieder jemanden das Geschenk der Symmetrie machen. In einem schwarzen Kästchen mit leuchtend bunten Blumen liegen Broschen – wie die aus Schildpatt, die mich immer an das Blindenzeichen erinnerte.
Ketten schlingen sich ineinander, es gibt sogar eine Kette, in der Schlangen ein Ornament bilden, ein Unendlichkeitssymbol, das für mich als Kind auch immer etwas Magisches hatte. Und von den Nonnen aus der Familie sind irgendwo Miniaturkreuze und kleine Bildchen mit betenden Madonnen, außerdem Anstecknadeln, die einen stechen, wenn man in die Kiste greift – als wollten sie einen daran hindern, etwas anzurühren und zu verändern.
Ich weiß das alles ganz genau, aber ich erinnere mich nicht mehr daran, wo genau ich den Märchenring entdeckt habe. Doch als ich ihn wiederfand, staunte ich. Er war so schön, ein richtiger Ring aus einer anderen Welt – und gar nicht so groß, wie er mir als Kind vorkam.
„Ich steckte ihn an den Finger und dachte: Die Magie, die Märchenmagie, darf zurückkommen. Warum eigentlich nicht?"
Wenn du wissen möchtest, wie diese Geschichte weitergeht – ich schreibe sie weiter. Im Abendraum.
Zum Abendraum