Bienenkönigin

Die Bienenkönigin
Die Bienenkönigin
Entspannung wirkt · Märchen

Die Bienen­köni­gin

Ein Märchen der Brüder Grimm –
von Güte, Geduld und der stillen Kraft des Dummlings.

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Zwei Königssöhne zogen einst hinaus in die Welt, um Abenteuer zu erleben. Doch sie gerieten in ein wildes, zügelloses Leben und fanden schließlich nicht mehr zurück nach Hause.

Da machte sich ihr jüngster Bruder auf den Weg, den alle nur den Dummling nannten, um sie zu suchen. Als er sie endlich fand, verspotteten sie ihn. Sie konnten nicht verstehen, wie er mit seiner Einfalt durchs Leben kommen wollte – wo doch sie selbst, die sich für so viel klüger hielten, schon gescheitert waren.

Gemeinsam zogen sie weiter und kamen bald zu einem Ameisenhaufen. Die beiden älteren Brüder wollten ihn aufwühlen, nur um zu sehen, wie die kleinen Tiere in Panik durcheinanderliefen. Doch der Dummling hielt sie zurück und sagte ruhig:

„Lasst die Tiere in Frieden. Ich kann es nicht ertragen, dass ihr sie stört."

Sie gingen weiter und gelangten an einen See, auf dem unzählige Enten schwammen. Die Brüder wollten einige fangen und braten. Doch wieder stellte sich der Dummling ihnen in den Weg:

„Lasst die Tiere in Frieden. Ich kann es nicht ertragen, dass ihr sie tötet."

Schließlich kamen sie zu einem Baum mit einem Bienennest. Der Honig floss bereits am Stamm herab. Die beiden älteren wollten ein Feuer entfachen, um die Bienen zu vertreiben. Doch der Dummling hielt sie erneut zurück:

„Lasst die Tiere in Frieden. Ich kann es nicht ertragen, dass ihr sie verbrennt."

So zogen sie weiter und gelangten schließlich zu einem Schloss. Dort standen in den Ställen nur steinerne Pferde, und kein Mensch war zu sehen. Sie durchstreiften alle Räume, bis sie ganz am Ende auf eine Tür stießen. Davor hingen drei Schlösser. In der Mitte war eine kleine Öffnung – und durch sie sahen sie ein graues Männchen an einem Tisch sitzen.

Sie riefen ihm zu – einmal, zweimal –, doch es reagierte nicht. Erst beim dritten Mal erhob es sich, öffnete die Schlösser und trat heraus. Ohne ein Wort zu sagen, führte es sie zu einem reich gedeckten Tisch. Nachdem sie gegessen und getrunken hatten, brachte es jeden von ihnen in ein eigenes Schlafgemach.

Am nächsten Morgen führte das graue Männchen den ältesten Bruder zu einer steinernen Tafel. Darauf standen drei Aufgaben, durch die der Zauber des Schlosses gebrochen werden konnte.

Die erste Aufgabe

Im Wald, unter dem Moos, lagen tausend Perlen der Königstochter verborgen. Diese mussten gefunden werden. Fehlte bis zum Sonnenuntergang auch nur eine einzige, würde der Suchende zu Stein erstarren.

Der älteste Bruder machte sich auf den Weg und suchte den ganzen Tag. Doch am Abend hatte er erst hundert Perlen gefunden – und wurde zu Stein. Am nächsten Tag versuchte es der zweite Bruder. Er fand nur zweihundert – und das gleiche Schicksal ereilte ihn.

Schließlich war der Dummling an der Reihe. Er begann zu suchen, doch die Perlen im Moos waren kaum zu entdecken. Alles ging nur langsam voran. Schließlich setzte er sich auf einen Stein und weinte.

Da erschien der Ameisenkönig, dem er einst das Leben gerettet hatte – und mit ihm fünftausend Ameisen. In kurzer Zeit hatten die kleinen Tiere alle Perlen gefunden und zu einem Haufen zusammengetragen.

Die zweite Aufgabe

Den Schlüssel zur Schlafkammer der Königstochter aus dem See zu holen. Als der Dummling ans Wasser trat, kamen die Enten, die er verschont hatte, auf ihn zugeschwommen. Sie tauchten hinab und brachten den Schlüssel aus der Tiefe herauf.

Die dritte Aufgabe

Von drei schlafenden Königstöchtern sollte die jüngste und liebste erkannt werden. Doch sie glichen einander vollkommen. Es gab nur einen Unterschied: Vor dem Einschlafen hatte jede von ihnen etwas anderes gegessen – die älteste ein Stück Zucker, die zweite etwas Sirup und die jüngste einen Löffel Honig.

Da erschien die Bienenkönigin, deren Volk der Dummling gerettet hatte. Sie flog zu den drei Schwestern, kostete an ihren Lippen – und blieb schließlich auf dem Mund derjenigen sitzen, die Honig gegessen hatte.

So erkannte der Dummling die Richtige. In diesem Moment war der Zauber gebrochen. Alles erwachte aus dem Schlaf, und auch die Versteinerten erhielten ihre menschliche Gestalt zurück.

Der Dummling aber heiratete die jüngste und liebste Königstochter und wurde nach dem Tod ihres Vaters König. Seine beiden Brüder heirateten die beiden anderen Schwestern.

Wer still schützt, was klein ist,
den schützt das Kleine zurück.

Entspannung wirkt · Carola Hoffmeister

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