Kann Hypnose tatsächlich Schmerzen lindern? Und was geschieht dabei im Gehirn? Der Psychotherapeut und Hypnoseforscher Dr. Klaus Hönig vom Universitätsklinikum Ulm im Gespräch.

Herr Dr. Hönig, kann Hypnose wirklich Schmerzen lindern?

Ja, das kann sie. Hypnose ist ein sehr altes Verfahren, das schon lange zur Schmerzbehandlung eingesetzt wird. Sie kann psychische Verarbeitungsweisen verstärken, die wir auch aus dem Alltag kennen. Zum Beispiel die Ablenkung. Wenn Sie Schmerzen haben, aber gerade etwas sehr Schönes erleben, tritt der Schmerz möglicherweise in den Hintergrund. In hypnotischer Trance lassen sich solche Prozesse verstärken und vertiefen.

Das heißt, der Schmerz ist noch da, aber wir nehmen ihn weniger wahr?

Nicht unbedingt. Es gibt inzwischen interessante neurobiologische Untersuchungen, die zeigen, dass die Wirkung möglicherweise schon auf Rückenmarksebene beginnt. Die Schmerzsignale werden also nicht erst im Gehirn anders bewertet, sondern können bereits auf ihrem Weg dorthin abgeschwächt werden.

Das erinnert an die sogenannte Gate-Control-Theorie, nach der sich die Weiterleitung von Schmerzsignalen gewissermaßen regulieren lässt.

Genau. Diese Theorie war während meines Studiums sehr populär. Lange ließ sie sich nicht richtig belegen. Inzwischen gibt es bildgebende Untersuchungen, deren Befunde wieder in diese Richtung weisen. Das ist ausgesprochen spannend.

Bei welchen Schmerzen ist Hypnose besonders wirksam?

Hypnose beziehungsweise Hypnotherapie kann sowohl bei akuten als auch bei chronischen Schmerzen helfen. Allerdings unterscheidet sich das Vorgehen. Bei akuten Schmerzen arbeiten wir beispielsweise mit Ablenkung. Wir können aber auch versuchen, den Schmerz gedanklich an eine andere Körperstelle zu verlagern, an der er leichter auszuhalten ist. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die Gestalt des Schmerzes zu verändern.

Was meinen Sie mit der Gestalt des Schmerzes?

Schmerzen haben bestimmte Eigenschaften. Sie können stechen, pochen, pulsieren oder brennen. In der Hypnose können wir diese Eigenschaften genauer erkunden. Wie sieht der Schmerz aus? Welche Farbe hat er? Welche Form? Wie groß ist er? Aus diesen Wahrnehmungen kann eine innere Vorstellung entstehen, die wir dann verändern. Man kann sich beispielsweise vorstellen, dass eine heilende Substanz in den Schmerz hineinfließt. Es ist erstaunlich, was Menschen dabei erleben. Plötzlich verändert sich die Farbe des Schmerzes, sein Klang oder seine Größe. Eine große, bedrohliche Schmerzgestalt kann in der Vorstellung immer kleiner werden.

Das Entscheidende ist vielleicht auch, dass man selbst etwas verändern kann. Gerade bei chronischen Schmerzen fühlen sich Menschen häufig ausgeliefert.

Absolut. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Wir Therapeut:innen denken manchmal, wir müssten die Schmerzen noch besser kontrollieren. Und dann sagt ein Patient: Können wir nicht einfach noch einmal das machen, was wir beim letzten Mal gemacht haben? Das hat mir so gutgetan. Dann merken wir, dass es gar nicht immer darum geht, den Schmerz möglichst vollständig zu beseitigen. Sondern darum, dass jemand wieder Selbstwirksamkeit erlebt. Hilflosigkeit ist etwas, das wir Menschen nur schwer aushalten können. Es verändert sehr viel, wenn wir plötzlich merken: Ich habe selbst etwas in der Hand. Ich kann meinen Zustand zumindest ein Stück weit regulieren.

Wie sieht das bei Menschen aus, die dauerhaft unter starken Nervenschmerzen leiden?

Ich denke an eine Patientin, die nach einer Operation eine dauerhafte Nervenschädigung im Gesicht davongetragen hatte. Sie litt unter immer wieder einschießenden Schmerzen. Hinzu kam, dass sich durch die Schädigung ein Teil ihres Gesichts verändert hatte. Das belastete sie auch psychisch sehr. Bei solchen chronischen Schmerzen können wir häufig nicht versprechen, dass sie vollständig verschwinden. Wir müssen gemeinsam einen Weg finden, mit ihnen zu leben. Deshalb bringe ich meinen Patienten, wenn sie dafür offen sind, möglichst früh Selbsthypnose bei.

Wie funktioniert das?

Wir entwickeln gemeinsam eine erste Trance, die wir in den folgenden Sitzungen immer weiter verfeinern. Wenn wir eine hilfreiche Form gefunden haben, zeichnen wir sie auf. Das geht heute ganz einfach mit dem Smartphone. Im Laufe der Zeit entstehen unterschiedliche Übungen. Manche arbeiten mit Ablenkung, andere mit Entspannung oder mit der Veränderung der Schmerzgestalt. Die Patientin, von der ich gerade erzählt habe, besitzt inzwischen eine ganze Sammlung solcher Aufnahmen. Sie nennt sie ihr Schatzkistchen. Wenn es ihr schlecht geht, sucht sie sich eine Übung aus, von der sie weiß, dass sie ihr in diesem Moment helfen könnte. Die Schmerzen sind weiterhin vorhanden. Aber sie kann wieder zu Kräften kommen und fühlt sich ihnen nicht mehr so ausgeliefert.

Muss man Hypnose erst längere Zeit üben, damit sie funktioniert?

Nein, nicht unbedingt. Auch in einer ersten Sitzung kann es bereits zu einer deutlichen Erleichterung kommen. Aber Hypnose ist ein kooperatives Verfahren. Sie beruht auf Vertrauen und Zusammenarbeit. Es ist nicht so, dass ein Hypnotiseur von außen etwas mit einem Menschen macht. Vielmehr geben wir Anregungen, die der Patient mithilfe seiner eigenen körperlichen und geistigen Möglichkeiten umsetzt. Je besser die Zusammenarbeit funktioniert, desto intensiver kann auch das Erleben werden.

Welche Rolle spielen dabei die Bilder und Geschichten, mit denen Sie arbeiten?

Eine sehr große. Allerdings müssen sie zu dem jeweiligen Menschen passen. Ich mag beispielsweise das Meer und die Berge. Aber was ich persönlich schön finde, spielt in der Therapie keine Rolle. Entscheidend ist, womit der Patient etwas anfangen kann. Ich erinnere mich an eine Frau, die wegen einer Krebserkrankung bestrahlt werden musste. Ihr Kopf sollte während der Behandlung mit einer Maske fixiert werden. Davor hatte sie solche Angst, dass sie überzeugt war, die Bestrahlung nicht aushalten zu können. Sie hatte mit Psychotherapie oder Hypnose bis dahin überhaupt nichts zu tun gehabt.

Wie konnten Sie ihr helfen?

Wir haben darüber gesprochen, wo sie sich besonders wohlfühlt. Das war ihr Garten. Also haben wir in der Hypnose einen Spaziergang durch diesen Garten gemacht. Wir haben uns angeschaut, was dort wächst und was noch zu tun wäre. An einer Stelle gab es ein brachliegendes Beet. Ich fragte sie, was sie dort eigentlich pflanzen wolle. Und ob die Nachbarn das schon gesehen hätten. Da mussten wir beide lachen. Ich sagte ihr, dass sie während ihrer Bestrahlungssitzungen ja genügend Zeit hätte, darüber nachzudenken. Als sie zwei Wochen später wiederkam, fragte ich sie, wie die Bestrahlung verlaufen sei. Ihre Antwort war ganz schlicht: „Ich gehe da halt in meinen Garten.“

Sie arbeiten auch in der Psychoonkologie, also mit Menschen, die an Krebs erkrankt sind. Welche Bedeutung hat Hypnose dort?

Zunächst müssen wir herausfinden, was den jeweiligen Menschen eigentlich belastet. Das ist manchmal schwieriger, als man denkt. Patienten können ihre Ängste nicht immer sofort benennen. Manchmal haben sie auch selbst noch gar nicht richtig verstanden, was ihnen am meisten zu schaffen macht. Bei einer Krebserkrankung kommen häufig verschiedene Belastungen zusammen: Schmerzen, die Angst vor einer Behandlung, die Sorge vor einem Rückfall oder existenzielle Fragen. Wir versuchen, diese Belastungen auseinanderzuhalten und Schritt für Schritt zu bearbeiten. Wenn wir einzelne Bereiche erleichtern können, verringert sich häufig auch die Gesamtbelastung.

Und wenn ein Mensch weiß, dass er nicht mehr lange leben wird?

Dann stehen natürlich andere Fragen im Vordergrund. Beispielsweise die Angst vor dem Sterben, vor Einsamkeit oder davor, zunehmend auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Viele Menschen empfinden es als sehr schwer, ihre Selbstständigkeit zu verlieren. Sie schämen sich vielleicht dafür, dass sie plötzlich bei ganz alltäglichen Dingen Unterstützung brauchen. Auch dabei kann Hypnotherapie helfen. Es geht darum, Ängste zu regulieren, Gefühle zugänglich zu machen und einen Umgang mit der eigenen Situation zu finden.

Ist Hypnose also nicht nur eine Möglichkeit, belastende Gefühle auszublenden, sondern auch, sich ihnen zu stellen?

Ganz genau. Das ist eine ihrer großen Stärken. In hypnotischer Trance können wir einerseits störende Reize ausblenden. Andererseits bekommen wir häufig einen besseren Zugang zu unseren Emotionen. Im Alltagsbewusstsein fällt es uns manchmal schwer, uns mit angstbesetzten oder traumatischen Erfahrungen auseinanderzusetzen. Wir schützen uns davor, indem wir bestimmte Dinge nicht an uns heranlassen. In einer Trance, in der wir uns sicher fühlen, kann es leichter werden, sich solchen Erfahrungen zuzuwenden. Menschen können dann etwas erleben und bewältigen, was ihnen im normalen Wachbewusstsein vielleicht kaum möglich gewesen wäre. Diese Erfahrung nehmen sie anschließend mit in ihren Alltag.

Sie haben von Menschen erzählt, die durch Hypnose wieder ein Stück Selbstbestimmung gewinnen. Können auch Angehörige davon profitieren?

Unbedingt. In der Psychoonkologie sagen wir immer: Niemand ist alleine krank. Es gibt fast immer Menschen im Umfeld, die ebenfalls von der Erkrankung betroffen sind. Deshalb versuchen wir, wichtige Bezugspersonen zumindest punktuell in die Behandlung einzubeziehen. Manchmal reicht es, wenn der Partner beim ersten Gespräch dabei ist. Ich habe aber auch Paare, die gemeinsam an den Sitzungen teilnehmen. Wenn es uns schlecht geht, entwickeln wir häufig einen Tunnelblick. Wir sehen vor allem unser eigenes Leid, unsere Schmerzen und unsere Ängste. Dabei verlieren wir manchmal den Blick für den anderen. Mit hypnotherapeutischen Verfahren können wir helfen, diese Perspektive wieder zu öffnen. Das kann Paaren ermöglichen, wieder besser miteinander ins Gespräch zu kommen.

Was würden Sie jemandem empfehlen, der unter Schmerzen leidet und Hypnose ausprobieren möchte?

Ich würde zunächst versuchen, Selbsthypnose als regelmäßiges Ritual zu etablieren. Es geht darum, einen Zustand körperlicher und emotionaler Entspannung herzustellen. Denn Schmerzen werden durch verschiedene Faktoren beeinflusst. Einer davon ist unsere Aufmerksamkeit. Je stärker wir uns auf einen Schmerz konzentrieren, desto intensiver können wir ihn erleben. Ein weiterer Faktor sind unsere Gefühle. Stellen Sie sich vor, Sie haben Rückenschmerzen. Sie sitzen morgens am Frühstückstisch, und Ihre Frau spricht Sie auf die Gartenarbeit an. Sie haben überhaupt keine Lust darauf, vielleicht empfinden Sie die Situation sogar als belastend. Plötzlich werden Ihre Rückenschmerzen stärker. Das bedeutet nicht, dass Sie die Schmerzen vortäuschen. Sie waren vorher auch schon da. Aber durch die emotionale Belastung werden sie schwerer auszuhalten.

Deshalb arbeiten wir in der Schmerztherapie auf mehreren Ebenen. Wir versuchen, durch Entspannung und Ablenkung den Schmerz zu dämpfen. Gleichzeitig schauen wir, welche Ängste, Konflikte oder anderen Belastungen möglicherweise eine Rolle spielen.

Sie haben einmal eine Patientin behandelt, die nach einer Stammzelltransplantation unter extrem starken Schmerzen litt. Was ist damals passiert?

Die Patientin hatte eine sehr schwere Entzündung der Mundschleimhaut. Sie konnte nicht einmal mehr ihren eigenen Speichel schlucken, ohne starke Schmerzen zu haben. Natürlich konnte sie auch nicht mehr schlafen. Ich wusste, dass sie die Nordsee liebte. Ihr sehnlichster Wunsch war, wenigstens für ein paar Minuten Ruhe zu haben und die Schmerzen nicht mehr spüren zu müssen. Also habe ich vorgeschlagen, dass wir gemeinsam an die Nordsee gehen. Während der Hypnose konnte ich beobachten, wie sie immer wieder schluckte. Anfangs verzog sie dabei jedes Mal das Gesicht. Nach fünf Minuten war das noch genauso. Nach zehn Minuten musste ich schon sehr genau hinsehen, um überhaupt zu bemerken, dass sie schluckte. Wir haben die Sitzung nach ungefähr einer Stunde beendet, und ich habe sie eingeladen, einfach weiterzuruhen, solange es sich angenehm anfühlte. Als ich am nächsten Tag auf die Station kam, sprach mich schon der Arzt an. Die Patientin sehe plötzlich richtig erholt aus. Sie selbst erzählte mir, dass der Schmerz vollständig verschwunden gewesen sei. Sie hatte sogar bewusst geschluckt, um zu überprüfen, ob er wirklich nicht mehr da war Erst im Laufe des Tages waren die Schmerzen allmählich zurückgekehrt.

Das ist beeindruckend. Warum wird Hypnose in deutschen Krankenhäusern dann noch vergleichsweise selten eingesetzt?

Da haben wir sicherlich noch Potenzial. In anderen Ländern, beispielsweise Frankreich oder Belgien, wird Hypnose auch begleitend zu medizinischen Eingriffen eingesetzt, etwa in Verbindung mit einer örtlichen Betäubung.

Nutzen Sie Hypnose eigentlich auch selbst?

Ja, durchaus. Ich neige dazu, meine Termine etwas zu eng zu planen. Dann wird es manchmal stressig. Mir helfen in solchen Situationen kurze Ruhephasen, in denen ich mich selbst wieder etwas herunterregulieren kann. Danach fühle ich mich erholter und kann konzentrierter weiterarbeiten. Das erinnert mich an Milton Erickson, den Begründer der modernen Hypnotherapie. Er hatte als Folge einer Kinderlähmung mit erheblichen körperlichen Einschränkungen und Schmerzen zu kämpfen. Kollegen, die ihn noch persönlich erlebt haben, erzählten, dass er trotz seines enormen Arbeitspensums regelmäßig Pausen einlegte. Manchmal zog er sich für eine halbe Stunde zurück und kam anschließend wie ausgeschlafen wieder.

Was macht diesen Zustand so wertvoll?

Hypnose erzeugt einen Antistresszustand. Und ich glaube, der ist für sehr, sehr viele Dinge hilfreich.

Nach oben scrollen