In einem August lag ich nachts auf unserer Terrasse. Eingekuschelt in Decken auf einer gelben Sonnenliege, neben mir meine schlafende Tochter. Über uns ein klarer Himmel, dunkelblau, fast schwarz.
Und dann sah ich es. Eine Karawane von Sternen, die langsam und gleichmäßig über den Himmel zog. Ein silbriges Band. Ich dachte zuerst, ich hätte mich versehen. Also setzte ich meine Brille auf – dabei war ich genau deshalb draußen, um den Himmel unverstellt zu sehen. Aber das Band blieb.
Es war die Notte di San Lorenzo.
So nennen die Italiener:innen die Nacht vom 10. auf den 11. August, wenn besonders viele Sternschnuppen fallen. Benannt nach dem heiligen Laurentius, einem Märtyrer, der im Jahr 258 in Rom starb. Einer alten Legende zufolge sind die Sternschnuppen seine Tränen – le lacrime di San Lorenzo –, die jedes Jahr zur Erde zurückkehren. Das silberne Band, das ich gesehen hatte, waren also keine verirrten Sterne. Es waren Tränen.

Zum ersten Mal hatte ich von dieser Nacht gehört, als ich selbst in Italien studierte. Gianluca, mein damaliger Freund, erzählte mir davon. Wir verbrachten viele Sommerabende draußen – im Haus seiner Familie in Ostia, irgendwo auf einer Wiese, vielleicht in einem Park in Rom. So genau weiß ich das nicht mehr. Ich erinnere mich nur an das Warten und plötzlich die Lichtstreifen, die den Himmel durchquerten.
Ich mag Sternschnuppen. Vielleicht deshalb tauchen sie in so vielen meiner Traumreisen auf. Besonders das Bild der fallenden Sternschnuppe: Sie sinkt tiefer und tiefer, lässt los, gleitet in die Dunkelheit – fast so, wie wir selbst in den Schlaf hineingleiten.
In dem Lied Stars Fell on Alabama heißt es: Don’t let the paper come between us. Lass kein Papier zwischen uns kommen. Lass nichts zwischen uns stehen. Vielleicht gilt das auch für unsere Nächte. Keine unerledigten Gedanken. Keine Sorgen, die heute ohnehin keine Antwort mehr finden.
Wenn du in diesem August eine Sternschnuppe siehst, musst du dir vielleicht gar nichts wünschen. Vielleicht reicht es, ihr etwas mitzugeben. Einen Zweifel. Eine Sorge. Einen Gedanken, der schon lange zu schwer geworden ist. Und dann zuzusehen, wie er mit dem Lichtstreifen verschwindet – tiefer und tiefer, bis in die Nacht.
Schlaf schön, und hab goldene Träume.
Sogni d’oro.