Drei Fragen zur Ruhe
Schreibend und gehend
Nach einer Gesichtslähmung ging der Reporter Martin Zinggl zu Fuß von Wien nach Istanbul. Ich kehrte nach zwei Operationen in mein altes Leben zurück. Sein Buch „Das ist kein Spaziergang“ brachte mich zum Nachdenken.
Text: Carola Hoffmeister
An einem Sommertag in der Normandie, ungefähr ein Jahr nachdem Martin Zinggl sein Buch „Das ist kein Spaziergang“ veröffentlicht hatte, schrieb ich ihm eine Mail. Ich saß im Schneewittchenhaus, so hatte ich das Fachwerkhaus getauft, in dem wir Urlaub machten, und steckte tief im Kaninchenloch eines Romanprojekts. Ich fragte ihn spontan, ob er Kontakte zu einem Verlag hätte.
Martin und ich hatten uns kennengelernt, als wir beide an Reisereportagen für einen österreichischen Verlag arbeiteten, er über Lissabon, ich über Malta. Wir schickten uns damals gegenseitig Texte zum Korrekturlesen und feuerten uns an, wenn wir nicht weiterwussten.
Kurz nach meiner Mail meldete er sich per WhatsApp. „Wie geht es dir?“, fragte er. Und: „What happened?“ Ich hatte angedeutet, dass ich Anfang des Jahres zweimal operiert worden war und auch darüber schrieb.
Martin: „Dein Schreiben ist dein Weg der Aufarbeitung?“
Ich saß gerade auf der Rückbank eines Autos und fuhr durch einen moosgrünen Wald. In diesem Moment fiel es mir auf, und ich verstehe nicht, warum ich es nicht früher bemerkt habe: Auch Martin hatte eine Lebenskrise schreibend bewältigt.
Schreibend und gehend.
Von Wien nach Istanbul
2023 begab er sich zu Fuß auf den Sultans Trail, einen Weitwanderweg von Wien nach Istanbul. Kurz zuvor, an seinem vierzigsten Geburtstag, war er an einer Fazialisparese erkrankt und hatte die Kontrolle über die Muskulatur einer Gesichtshälfte verloren.
„Ich musste mein Auge nachts zukleben, damit es nicht austrocknet“, erzählt er mir, als wir uns einige Monate später in einem Café in Hamburg treffen. Einen Tag zuvor war ihm ein Journalistenpreis verliehen worden.
Nach seiner Diagnose krempelte Martin sein Leben um. Er sagte Jobs ab, verabschiedete sich aus toxischen Freundschaften und kappte seine Social-Media-Kanäle. Im Waldviertel bei Wien begann er, zwischen Tannen, Kiefern und Lärchen spazieren zu gehen. Und ihm kam der Gedanke, einfach von zu Hause aus loszumarschieren. „Die Tür hinter mir ins Schloss fallen hören und davongehen. Immer weiter, bis ich irgendwo ankomme.“
Zurück ins alte Leben
Als Martin nach unserem Treffen in den Zug nach Wien steigt, bin ich irgendwie traurig. Dabei war es ein schönes Wiedersehen. Unser Gespräch geht mir nicht aus dem Kopf. Ich lese sein Buch über den Sultans Trail und höre Podcastgespräche, die er in den vergangenen Monaten über seine Reise geführt hat.
Nach meiner Notoperation hatte auch ich begonnen zu gehen. Erst aufgestützt am Geländer des Krankenhausflurs. Später, nach der zweiten Diagnose, jeden Tag in den Park oder an den Fluss.
Aber während Martin beschloss, bis nach Istanbul zu laufen, steuerte ich zurück in mein altes Leben. Ich machte weiter wie zuvor, als wäre nichts gewesen. Nur manchmal zieht es an den Narben. Und nur manchmal, wenn ich unter der Dusche stehe, bekomme ich einen Riesenschrecken und denke: Was, wenn das nicht alles war? Gleichzeitig, und auch weil ich so ein Glück hatte, frage ich mich, ob es mir überhaupt zusteht, eine Welle um das alles zu machen.
War ich deshalb traurig, nachdem ich Martin getroffen hatte? Oder weil ich rückblickend bemerkte, wie versunken ich in mir selbst gewesen war, als ich ihm schrieb?
Ich weiß es nicht.
Aber seit ich sein Buch gelesen habe, frage ich mich, ob ich nach meinen Operationen nicht zu schnell wieder in mein altes Leben zurückgekehrt bin. Ob ich mir überhaupt genug Zeit genommen habe, zu begreifen, was geschehen ist.
Ich habe darauf noch keine Antwort. Aber ich bin froh, dass ich mir diese Fragen stelle.
Die neue Rubrik in der Nachtpost
Drei Fragen zur Ruhe
Und weil mich interessiert hat, wie Martin heute entspannt, habe ich ihm drei Fragen zur Ruhe gestellt. Mit ihnen starte ich eine neue Rubrik in der Nachtpost: Ab jetzt frage ich regelmäßig Menschen, die mich inspirieren, wie sie entspannen, wie sich ihr Verhältnis zur Ruhe im Laufe ihres Lebens verändert hat und was sie für eine gute Nacht tun. Dazu kommt eine vierte Frage, die ein bisschen aus der Reihe tanzt.
Wie und womit entspannst du am liebsten?
Immer alleine, da ich durch Gespräche oder Gesellschaft nicht wirklich zur Ruhe kommen kann. Gedanklich entspanne ich tatsächlich durchs Gehen. Vermutlich, weil es etwas Meditatives hat. Körperlich allerdings am liebsten Sofa, eventuell mit einem Buch, einem GEO-Magazin oder einem Film. Und beides, also geistig und körperlich, ausschließlich durch Schlaf.
Wie hat sich dein Verhältnis zur Entspannung im Laufe deines Lebens verändert, und wie zeigt sich das in deinem Alltag?
Früher habe ich keinen Gedanken an aktive Entspannung verschwendet. Ich habe einfach funktioniert, wie eine Maschine: machen, machen, machen. Spätestens seit der Fazialisparese zum 40er, wo mir mein Körper versucht hat aufzuzeigen, dass ich jahrelange Grenzen überschritten und nicht auf Warnsignale gehört habe, weiß ich: Entspannung kommt nicht von allein. Man muss sie einplanen und aktiv gestalten. Und das tue ich, wenn auch viel zu wenig. Aber ich sage mittlerweile auch schon mal einen Auftrag ab, wenn ich das Gefühl habe, stattdessen brauchen mein Körper und Geist Ruhe.
„Entspannung kommt nicht von allein. Man muss sie einplanen und aktiv gestalten.“
Was bedeutet guter Schlaf für dich, und was tust du für eine gute Nacht?
Vor dem Schlafengehen lüften, dann das Zimmer durch Jalousien abdunkeln, viele Polster in unterschiedlichen Größen und Stärken.
Wenn deine Entspannung ein Ort, ein Land oder ein Weg wäre, was wäre sie dann?
Eine Insel. Der Rhythmus auf den meisten Inseln ist wesentlich entspannter – und einer, der mir sehr zusagt.
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