Pia Eis, Österreicherin aus dem Weinviertel, war Lehrerin, dann im Marketing – und landete irgendwann auf einem Hof mit Eseln, Obstbäumen und mehr Arbeit als erwartet. So kam sie auf Slow Gardening – mehr Ruhe im Garten.

Wie bist du zum Gärtnern gekommen?
Eigentlich war das immer Teil meines Lebens. Meine Oma hatte einen kleinen Stadtgarten mit Obstbäumen und Gemüse. Das war noch Nachkriegszeit, vieles diente der Selbstversorgung. Ich erinnere mich an rote Johannisbeeren, die wir Kinder naschen durften, an den großen Apfelbaum im Hof und an die alte Waschküche. Auch meine Mutter hatte einen großen Garten mit Gemüse, Komposthaufen, Teich und später sogar einem Schwimmteich. Garten war nie etwas Besonderes – er gehörte einfach zum Alltag.
Als wir unser Haus gebaut haben, habe ich zunächst ganz klassisch angefangen: Hecke, Zaun, Rollrasen, Gemüsebeete. Heute muss ich darüber schmunzeln. Nach und nach sind verschiedene Lebensräume entstanden. Rund um den Holzstoß wurde es waldiger, Johanniskraut und Leinkraut sind eingezogen, die Gehölze wurden größer. Aus dem Standardgarten ist über die Jahre eine Ruheoase geworden.
Gab es einen Moment, in dem du gemerkt hast, dass ein Garten mehr sein kann als ein Ort zum Arbeiten?
Ja, durchaus. Das Schönste daran ist für mich heute die Beobachtung. Wenn man der Natur ein bisschen mehr Raum gibt und weniger eingreift, entsteht plötzlich eine Vielfalt, die man gar nicht planen kann. Und das, ganz gleich wie groß ein Garten ist.
Heute betreibst du Slow Gardening. Was ist das in einem Satz?
Mehr beobachten, weniger tun. Weniger eingreifen in ein System, das ganz gut ohne die viele Arbeit funktioniert.

Auf meiner Terrasse sprießt plötzlich Schnittlauch aus dem Asphalt, im Sandkasten blühen Lilien. Ist das schon Slow Gardening?
Und wie! Schon allein die Tatsache, dass dir das auffällt, ist der erste Schritt. Pflanzen suchen sich oft selbst den besten Standort. Schnittlauch mag es gerne karg – perfekt also für Fugen.
Warum haben wir verlernt, den Garten als Ort der Erholung zu sehen?
Weil wir gelernt haben, dass ein Garten ordentlich aussehen muss. Viele Arbeiten entstehen erst durch den Versuch, alles kontrollieren zu wollen. Wenn wir genauer hinschauen, merken wir oft: Die Natur kann sehr vieles selbst regeln.
Kennen Landwirt:innen den Garten überhaupt als Ort des Müßiggangs?
Nein. Eben nicht. Eine Sitzgelegenheit findet man im Bauerngarten selten. Aber das würde ich gerne ändern. Ein Bankerl an der Stadlwand oder eine Bank im Vorgarten reichen oft schon aus.
Ich stelle mir eine Bank unter einem Baum voller reifer Früchte vor. Kannst du dich da einfach ausruhen?
In meinem Kopf geht schon die Planung los. Habe ich genug Platz in der Tiefkühltruhe? Genug Gläser? Wen kann ich heuer beschenken?
Pia hören.
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Und wie kommst du aus diesem Gedankenkarussell wieder heraus?
Ich erinnere mich daran, dass nicht alles heute erledigt werden muss. Die Früchte hängen morgen auch noch am Baum. Oft hilft es schon, mich bewusst hinzusetzen und fünf Minuten nur zu schauen. Danach arbeite ich meist entspannter und priorisiere einzelne Arbeiten. Oft ist nicht alles gleich wichtig.

Was ist der häufigste Fehler, den Menschen machen, wenn sie versuchen, im Garten zu entspannen?
Den Garten immer unter Kontrolle haben zu wollen. Dabei wäre ein bisschen Loslassen oft einfacher.
Kann der phänologische Kalender dabei helfen, den Garten slow zu betreiben?
Ja, schon. Weil man sich eher nach dem richtet, was man sieht. Der phänologische Kalender teilt das Jahr in zehn Phasen. Keine davon beginnt an einem festen Datum. Sie beginnen dann, wenn bestimmte Naturereignisse eintreten – etwa die Haselblüte, die Apfelblüte oder der erste Laubfall. Die Natur gibt den Takt vor, nicht der Kalender. Und sich auf seine Sinne zu verlassen statt auf starre Termine, kann durchaus zur Entschleunigung beitragen.
Findest du Zeit für Pausen im Alltag?
Mein Alltag ist ziemlich durchgetaktet. Wenn morgens alle außer Haus sind, habe ich ein paar Stunden für mich. Dann gehe ich zuerst eine Gartenrunde – ohne Aufgabe, ohne Werkzeug. Einfach schauen. Was blüht gerade? Wie riecht das Geißblatt? Sind die Lindenknospen schon aufgegangen?
Danach geht es zu den Eseln und Pferden. Es gibt immer etwas zu tun. Aber diese erste Runde durch den Garten ist für mich wie Luft holen.
Und wenn sich am Nachmittag oder Abend eine Gelegenheit ergibt, setze ich mich gerne mit einem Buch in den Garten. Auf meinem kleinen Tischchen liegen meistens schon Sonnenbrille und Lektüre bereit. Für mich beginnt die Pause in dem Moment, in dem ich die Füße hochlege. Dann springt oft mein Hündchen auf den Schoß, der Kater gesellt sich dazu, und ich denke: Jetzt bin ich angekommen.

Welche Rolle spielen Tiere im Slow-Gardening-Gedanken?
Die Esel und Pferde sehen dich – und wissen genau, wie es dir geht. Wenn du gestresst zu ihnen kommst, drehen sie sich manchmal einfach um. Das gibt einem zu denken.
In der Hypnose gibt es den inneren Ort – einen Ruheort. Hast du einen solchen?
Den habe ich. Eigentlich möchte ich ihn nicht verraten – aber so viel: Es plätschert. Und ein sehr großer, alter Baum steht dort.
Dein erstes Buch heißt „Adieu Gießkanne“. Was rätst du Menschen, die auf dem Balkon ums Gießen nicht herumkommen?
Auch dort gilt: die richtigen Pflanzen für den richtigen Standort. Töpfe lieber zu groß als zu klein. Und unbedingt etwas Duftendes.
Wenn jemand nach diesem Interview in den Garten geht – was sollte er oder sie heute einfach einmal lassen?
Nicht sofort nach Arbeit suchen. Erst einmal stehen bleiben. Schauen. Hören. Vielleicht fünf Minuten lang gar nichts tun.
Danke, liebe Pia.
Website: gartenbaeuerin.at Instagram: pia.gartenbaeuerin
Fotos: Zoe Opratko
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