Das kleine Glück

Als ich in den OP-Saal gefahren wurde, waren meine Augen Springbrunnen.
Nicht, weil ich wirklich Angst hatte. Oder vielleicht doch. Eher, weil die Erinnerung schneller war als ich — der Schrecken einer Operation drei Monate zuvor. Damals war ich unter ein rosafarbenes Blütenblatt gekrochen und hatte mich versteckt.

Später, als ich nur noch am Tropf hing, stellte ich mir meinen inneren Garten größer vor. Golden und weit. Schön war er schon. Aber ich musste länger dort bleiben, als ich wollte.

Vielleicht hatten meine Augen deshalb Fontänen gebaut.

Irgendwann hörte ich: Wer aufrecht in den OP-Saal fährt und ein Bild vor Augen hat, übersteht es besser. Ich erreichte ihn liegend.

Eine Schwester beugte sich zu mir herunter und sagte leise, es sei nicht gut, mit Angst in Narkose zu gehen. Das verstand ich sofort, auch wenn ich nicht erklären konnte, warum. Außerdem hatten wir Zeit. Irgendwo im Labyrinth der OP-Säle stockte der Ablauf.

Sie fragte mich, an wen ich gerne denke: Mein Kind. Sofort fühlte ich mich besser. Dann musste sie weiter.

Ich lag dort wie ein Brett, eine Haube auf dem Kopf, eine Wäscheklammer am Finger, der Herzmonitor piepte.

Ich wusste: Jetzt nicht verrückt machen.

Also beschwor ich im Takt der Herzschläge die Stammeskrieger herauf, die ich damals auf einem Monitor in einem anderen Krankenhaus in meinem Bauch gesehen hatte: Sie sollten die Flüsse der Entzündung trockenlegen. Dafür schickte ich ihnen rosafarbene Watte immer dann, wenn das Antibiotikum in mich hineintropfte.

Den Kriegern harte Munition zu schicken wäre eigentlich besser gewesen. Immunabwehr bedeutet Krieg. Aber ich brachte es nicht übers Herz. Und auch wenn meine Krieger mich erstaunt ansahen, arbeiteten sie doch mit dem, was ich ihnen gab.

Sie tanzten und stampften im Takt des Piepens um ein Feuer, aus dem plötzlich eine weiße Schlange emporstieg. Sollte es nicht ein Phoenix sein? Ich lies sie.

Dann das: Eine Wohnung in meiner Lieblingsstadt. Jalousien auf halb acht. Sonnenlicht, zerlegt in schmale Rechtecke auf dem Boden. Da wollte ich hin. Wenn ich das überstehe, mache ich das, sagte ich mir.

Es war wider Erwarten keine aufregende Bucket-List. Eher das kleine Glück.

Fischli/Weiss haben ein Buch. Es heißt: Findet mich das Glück?

Auf dem OP-Tisch, mit einer Haube auf dem Kopf und einer Wäscheklammer am Finger, wusste ich: Ja. Es hat mich schon gefunden. Ich muss nur noch zu ihm zurück.

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