Vererbtes Schicksal

Nicht alles, was wir von unseren Eltern erben, ist sichtbar. Neben Merkmalen wie Augenfarbe oder Lächeln gibt es auch das Unsichtbare, das sich zwischen den Worten weiterträgt: Ängste, Muster, unbewusste Loyalitäten. In einem Gespräch abseits der Podcastfolge spricht Sabine Lück, Psychotherapeutin und Expertin für transgenerationale Weitergaben, über das, was Familien oft unbewusst weitergeben: vererbte Schicksale.

Augen- und Haarfarben werden vererbt. Wie aber funktioniert das bei einem Schicksal?

Es gibt verschiedene Modelle als Erklärung, wie Schicksale weitergegeben werden – eines davon ist die Epigenetik. Man nennt sie auch den zweiten Code. Während die Genetik sozusagen unsere Hardware ist, ist die Epigenetik die Software, die bestimmt, welche Erfahrungen aus vorhergehenden Generationen weitergegeben werden. Ähnlich wie bei einem Klavier, bei dem die Tasten festgelegt sind, aber die Musik, die darauf gespielt wird, ganz unterschiedlich sein kann, so wird auch die Aktivität unserer Gene durch vererbte Erfahrungen beeinflusst.
Epigenetische Marker können Gene „ein- oder ausschalten“ und bestimmen somit, wie und was „gespielt“ wird. Das bedeutet, dass Nachkommen die Auswirkungen von Ereignissen oder Traumata spüren können, die ihre Eltern oder Großeltern erlebt haben – obwohl sie selbst diese Ereignisse nie erfahren haben.

Das bedeutet, dass Nachkommen die Auswirkungen von Ereignissen oder Traumata spüren können, die ihre Eltern oder Großeltern erlebt haben, obwohl sie selbst diese Ereignisse nie erlebt haben. 

Ja, es geht nicht nur darum, dass das Verhalten der Eltern kopiert wird – es findet eine tatsächliche Weitergabe auf genetischer Ebene statt: wie ein Schalter, der durch diese intensiven Erfahrungen ein- oder ausgeschaltet wird. Neben dieser biologischen Vererbung spielt auch die psychologische und soziale Ebene eine wichtige Rolle. Kinder wachsen in einer Umgebung auf, die stark von den Erfahrungen der Eltern geprägt ist – sowohl bewusst als auch unbewusst. In der psychodynamischen Sichtweise wird sogar angenommen, dass Eltern ihre ungelösten Themen oder Schattenseiten auf ihre Kinder projizieren, die dann von diesen als verinnerlichtes Selbstbild übernommen werden. So vererben sich Emotionen von Vorfahren weiter und führen zu einer verzerrten Selbstwahrnehmung. Das familiensystemische Modell betrachtet die Familie als ein System. Alle Mitglieder reagieren in Wechselwirkung miteinander und übernehmen eine Rolle in dieser Gemeinschaft. Kinder ersetzen hier manchmal fehlende Familienmitglieder oder geraten in eine Elternrolle für ihre Eltern oder Geschwister. So werden Generationsgrenzen verletzt und bestimmte Muster über Generationen hinweg weitergegeben.

Stellen wir uns eine Frau vor, die in der Mitte ihres Lebens erfährt, dass der Vater, bei dem sie aufgewachsen ist, nicht ihr biologischer Vater ist. Ihre Mutter hatte dieses Geheimnis viele Jahre lang aus nachvollziehbaren Gründen für sich behalten. Nach dem ersten Schock bemerkt die Frau, dass sie in ihrem eigenen Leben unbewusst ähnliche Muster wiederholt hat. Ist das ein vererbtes Schicksal?

Es wäre spannend zu wissen, was genau sie wiederholt hat. Obwohl sie den biologischen Vater nicht kennt, trägt sie ja seine Erfahrungen in ihren Zellerinnerungen. Dem sozialen Vater ist sie aber ebenfalls treu, denn im Zusammenleben mit ihm hat sie auch seine Wunden wahrgenommen und will ihn für erlittenes Leid entschädigen. Diese Loyalität gegenüber unseren Bindungspersonen ist tief in unserem Sein verankert. Ich benutze in diesem Zusammenhang auch den Begriff des kindlichen Treuevertrags. Da wir mit beiden Elternteilen einen solchen Vertrag geschlossen haben, kann es sein, dass die Frau mit ihrem eigenen Handeln auch das Thema der Mutter wiederholt. Solche Muster sind oft tief verwurzelt und wirken sich auf unser Verhalten aus – auch wenn wir uns der Ursachen nicht bewusst sind.

Kannst du den Treuevertrag noch einmal genauer erläutern?

Weil wir zu Beginn unseres Lebens als abhängige Wesen auf die Versorgung und Begleitung durch unsere Bindungspersonen angewiesen sind, um überleben zu können, hat die Natur uns die Superkraft Bindung mitgegeben. Eltern und Kinder gehen eine tiefe Verbindung miteinander ein, die Eltern dazu bringt, sich hingebungsvoll um den Nachwuchs zu kümmern. Das Kind ist ebenfalls mit Qualitäten ausgestattet, die Eltern dazu bringen, es liebevoll versorgen zu wollen – und vor allem unterstützen sie diese dabei, das tun zu können. Kinder sind sehr feinfühlig und nehmen wahr, wie es ihren Eltern wirklich geht. Sie spüren deren Defizite, nehmen die elterlichen Wunden hinter ihren Wünschen und Motivationen wahr, versuchen, Konflikte zu lösen, und Eltern ein Vorbild zu sein. Der Vertrag beinhaltet oft, dass das Kind die Themen der Eltern – zum Beispiel deren unbewusste Lasten und inneren Konflikte – übernimmt: So drückt das Kind unbewusst Emotionen aus, die eigentlich nicht seine sind. Es nimmt sich sogar in der eigenen Entwicklung zurück, wenn damit eine Mutter oder ein Vater stabilisiert werden kann. So bestimmt der Treuevertrag die kindliche Entwicklung maßgeblich – und damit auch das weitere Leben eines Menschen.

Hast du ein Beispiel?

Nina kam mit einer ausgeprägten Angststörung zu mir. Ihre Mutter litt als Kind selbst unter Ängsten und beschreibt die eigene Mutter – also Ninas Großmutter – als überbehütend. Da Ninas Mutter nie gelernt hatte, mit dem Gefühl der Angst umzugehen, hat es sie unbewusst getriggert, wenn Nina als Kind ängstlich war. Nina spürte das genau und zeigte als Kind keine Angst. Sie wurde von der Mutter als mutiges, fast draufgängerisches Mädchen erlebt – obwohl es in ihrem Inneren anders aussah. Sie hatte die für die Mutter so bedrohlich erlebte Angst einfach weggedrängt – und als sie selbst erwachsen wurde, brach eine heftige Angststörung aus. Interessant ist, dass ihre Symptome zu den traumatischen Erfahrungen der Großmutter passten. Diese hatte als Kind auf der Flucht erlebt, wie die kleine Schwester als Säugling an einer Hautinfektion starb. Nina entwickelte regelrechte Panik davor, sich mit Bakterien oder Viren infizieren zu können und in der Folge daran zu sterben. Für die Großmutter war die extreme Überbehütung wie eine Antwort auf das damalige Trauma: Je ängstlicher besorgt man war, desto sicherer war man geschützt. Doch diese Überlebensstrategie verhinderte einen selbstwirksamen Umgang mit Angst, wie sie nun mal zum Leben dazugehört. In ihrem Treuevertrag schützt Nina ihre Mutter vor der eigenen, nicht bewältigten Angst und ist ihr und auch der Großmutter treu, indem auch sie sich im Leben nicht sicherer fühlen darf als ihre Vorfahrinnen. Erst als Nina diesen Vertrag auflöste, konnte sie ihre mutige Seite authentisch entwickeln.

Und diese Verträge können über Generationen hinweg weitergegeben werden?

Es ist noch wichtig zu verstehen, dass das Gefühl aller Kinder, für ihre Eltern verantwortlich zu sein, dazu führt, die Mission der „Elternrettung“ auch als Erwachsene fortzuführen. Wir versorgen dann auch stellvertretend unser Umfeld – unsere Partner und Partnerinnen, Freunde, Kolleginnen und unsere Kinder – mit dem, was eigentlich unsere Eltern und Großeltern gebraucht hätten. So entstehen Verwechslungen und Verstrickungen, die ein authentisches Sein sehr schwierig machen. Da wir die Ahnen nicht wirklich retten können, bleibt uns das Gefühl, nicht zu genügen. Wir schleppen weiterhin die Wunden der Eltern mit uns herum – und nicht selten wiederholen wir sogar ihr Schicksal.

Was wäre ein erster Schritt, um sich diesem Thema zu nähern?

Die Arbeit mit Generation-Code® ermöglicht uns, diese Themen zu erforschen – und somit uns selbst und unser Geworden-Sein besser zu verstehen. Um sich des eigenen Treuevertrags bewusst zu werden, stelle ich gern die Frage: „Worin soll es mein Kind einmal besser haben als ich? Was soll ihm besser gelingen?“ Das gilt auch dann, wenn man keine eigenen Kinder hat. Die Frage, worin es in der nächsten Generation besser werden soll, hilft uns, das eigene Defizit – die eigene Wunde – schnell zu erkennen. Zum Beispiel: Wenn man sich wünscht, dass es eine bessere Beziehung zu seinem Vater hat oder mehr Selbstbewusstsein entwickelt, hat wahrscheinlich ein solcher Vater im eigenen Leben gefehlt. Wenn es sich in der nächsten Generation erfüllen könnte, wäre es stellvertretend eine Nachversorgung für die eigene Wunde.
Genau dabei geht aber auch die Wunde weiter – und aufgrund der Treue des Kindes wird es sich an diesem Punkt zur Verfügung stellen.
Diese Wünsche für die nächste Generation können uns also näher an unser eigenes Thema führen. Und dann lohnt es sich zu fragen: „Wie war das eigentlich bei meinen Eltern oder bei meinen Großeltern? Gibt es dieses Thema auch bei ihnen?“

Was ist, wenn man die Großeltern oder Eltern nicht mehr fragen kann?

Man kann Familienarchiven oder öffentlichen Archiven nach Informationen suchen. Oft finden sich dort Dokumente, Briefe oder andere Aufzeichnungen, die Hinweise auf die Lebenserfahrungen der Ahnen geben. Vielleicht erfährt man, dass die Großmutter während des Krieges auf der Flucht war oder ähnliche prägende Erlebnisse hatte. All das lässt sich zusammentragen wie in einem Puzzle. Und dann gibt es noch unbewusstes Wissen, das tief in uns gespeichert ist. Auch wenn wir keine direkten Antworten von unseren Ahnen mehr bekommen können, tragen wir oft ein kollektives Gedächtnis in uns. Dieses Wissen ist nicht immer bewusst – aber es ist da und zugänglich. Durch innere Arbeit, Meditation oder auch spezifische Techniken wie der Generation-Code®-Methode können wir es anzapfen.

Du hast die Methode Generation-Code® zusammen mit deiner Kollegin Ingrid Alexander entwickelt. Was genau steckt dahinter, und wie hilft sie den Menschen?

Wir haben dieses Konzept deshalb Generation-Code® genannt, weil das Entschlüsseln des eigenen Geworden-Seins ähnlich funktioniert wie bei einem Zahlenschloss: Man muss alle Zahlen kennen, bevor das Schloss sich öffnen kann. Generation-Code® unterstützt Menschen dabei, familiäre Muster und unbewusste Erbschaften zu erkennen und zu transformieren. Es geht darum, die „Treueverpflichtungen“ zu verstehen, die wir gegenüber unseren Eltern und Ahnen eingegangen sind – und die uns unbewusst binden. Aber wir wollen nicht nur erkennen, was unserer Potenzialentfaltung entgegensteht, sondern die Verstrickungen mit den Vorfahrinnen auflösen. Durch gezielte Methoden wie speziell entwickelte Aufstellungsformate und Meditation können Menschen diese unbewussten Lasten loslassen und sich von destruktiven Familienmustern befreien. So gewinnen sie die Freiheit, ihr eigenes Leben zu gestalten und ihr wahres Potenzial zu entfalten.

Sabine Lück

ist seit über 30 Jahren Psychotherapeutin für Kinder-Jugendliche und Erwachsene und ist Expertin für transgenerationale Prozesse. Sie hat zusammen mit ihrer Kollegin Ingrid Alexander die Methode Generation-Code® entwickelt und gibt heute ihr Wissen in ihrem zertifizierten Institut durch Seminare und Weiterbildungen weiter. Sie ist Autorin mehrerer Bücher, darunter „Vererbtes Schicksal“. Ihr neustes Buch „Vererbtes Glück“ erscheint im Mai 25. Hier zeigt die Autorin auf, wie Eltern und Kinder gemeinsam transgenerationale Verstrickungen auflösen können – auch dazu wirst du bald bei Entspannung wirkt ein Interview finden.

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